20. Juni 2012 – Siebter Tag

Da wir in den vergangenen Tagen –zumindest wenn man bedenkt, wie es sonst bei Gabrieles Fotoreisen zugeht – fast ausgeschlafen haben, haben wir am Vorabend beschlossen, heute einmal das ganz frühe Licht im Park zu nutzen. Deshalb stehen wir heute, es ist Mittwoch, der 20. Juni 2012, um 5:00 Uhr auf, haben gegen 5:30 Uhr das Auto gepackt und rollen um kurz vor 6:00 Uhr mit beiden Autos vom Hof. Als wir an die Kassenhäuschen der Parks kommen, sind diese noch ungesetzt. Außer uns sind zwar noch ein paar wenige Autos unterwegs, dennoch scheint noch völlige Ruhe im Park zu herrschen. Die Sonne steht noch tief und leuchtet hier oder da manchmal durch die Bäume. Auf dem Rücksitz ist es still, ich folge einfach der Straße und genieße diese Stimmung, die man nur ganz früh so erleben kann. Nach einigen Meilen kommt vom Rücksitz ein verschlafenes „Na hoffentlich lohnt es sich auch noch, dass wir so früh aus den Betten gesprungen sind!“ Der Satz ist gerade ausgesprochen, als wir um eine langgezogene Rechtskurve kommen. Ich bin nicht schnell, muss aber trotzdem ordentlich auf die Bremse steigen, denn da stehen sie: eine ganze Herde Büffel, im Gegenlicht mitten auf der Straße. Woooowww!! Was für ein Anblick! Damit dürfte sich auch die Frage vom Rücksitz erübrigt haben. 

  Die Sonne lässt den Tau auf den Gräsern funkeln und zeichnet die Oberlinien der Tiere scharf ab. Weiter hinten steigt geheimnisvoll der Morgennebel aus einem kleinen See empor und die noch tief hängenden Wolken scheinen die Sonne noch ein wenig davon abhalten zu wollen, den Tag richtig beginnen zu lassen.     Wenn ich mich aber ein wenig zurückdrehe, stehen manche Tiere bereits im vollen Auflicht, das die taunassen Nasen und Bärte glänzen lässt. Die Herde hat sich komplett um uns herum verteilt: Sie ist noch auf dem Hang zu unserer Rechten, auf der Straße direkt links neben uns, im Dickicht zur Linken und auf dem Weideland dahinter und einige Tiere gehen auch bereits auf den kleinen See zu.        Wären die Büffel nicht so nah und hätten wir nicht zwei Autos auf der Straße stehen, könnte man Fotos in 360° um sich herum schießen, und jeder Schuss wäre ein Volltreffer. Auflicht, Gegenlicht, Close up oder Landschaftsbild mit Tieren, Kühe mit Kälbern oder Bulle mit dickem Kopf und Löckchen auf der Stirn, Schattenriss oder Detailaufnahme, die jedes einzelne Haar zeigt, ein einzelner Büffel oder eine Gruppe – der Vielfalt an Bildern sind in diesem Moment überhaupt keine Grenzen gesetzt. Mich fasziniert vor allem die Gegenlichtstimmung am See geradeaus. Lediglich die sehr begrenzte Möglichkeit, dieses Motiv vielfältig zu variieren, hält mich davon ab, die ganze Karte ausschließlich mit der Stimmung vollzuschießen.   

 

Ich könnt mich jetzt hier ins Gras setzen und abwarten, bis die Sonne vollständig aufgegangen ist – leider kommen solche Gedankengänge bei Gabriele eher selten vor, weshalb wir uns nach knapp 50 Minuten von dieser Stelle verabschieden. Unser heutiges Ziel wird Jackson Hole sein; dieses Ziel gibt grob die Wahl unserer Route vor. Wir halten immer mal hier oder dort – immer da, wo es schöne Stimmungen gibt.

    Irgendwann kommen wir an einer Fotografenschar vorbei, die sich mit riesigen Stativen um einige Gabelböcke herum postiert hat. Stative… tsä! Warmduscher! Trotz allem gibt es noch genügend Zeit, sodass wir auch mal einen kleinen Nebenweg von der Grand Loop Road erkunden können. Dabei treffen wir auf Rehwild ohne Geweih, was mich den Wunsch ans Universum aussprechen lässt, doch wenigsten noch ein kleines Geweih zu Gesicht zu bekommen.    Am Ende des Weges halten wir, steigen aus und genießen die frische Morgenluft. Eine kleine Kolonie Erdmännchen beobachtet uns aufgeregt aus nächster Nähe, und sobald wir uns auch nur zwei Schritte nähern, ertönt der fiepende Warnruf der Tiere, und es scheint, als hätte es weit und breit nie Erdmännchen gegeben. Der richtige Trick bringt uns aber doch ein paar gute Bilder: Einfach bis an die Stelle gehen, von wo aus man sie gut aufs Bild bekommt, hinsetzen und warten.   Die kleinen Biester sind so viel neugieriger als ängstlich, weshalb sie schon bald wieder aus ihren Löchern hervorkommen. Die Wartezeit kann man sich mit dem Fotografieren von Pflanzen verkürzen. 

 

Wir sind in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und bereits seit zwei Stunden unterwegs. Die meisten plagt mittlerweile ein kleines Hüngerchen. Da, wie schon beschrieben, der Yellowstone Park nicht an jeder Ecke ein goldenes M zu bieten hat, ist die Auswahl an Restaurants mit gutem Frühstück einigermaßen eingegrenzt. Etwas weiter die Straße entlang gibt es aber die Roosevelt Lodge, dort wo wir gestern abgebogen sind, um der galoppierenden Herde zu folgen. Nach nur wenigen Meilen haben wir die Lodge erreicht und kehren dort für ein ausgesprochen gutes Frühstück ein. Vielleicht ist es das beste Frühstück der ganzen Reise; zumindest scheint es so nach all den dünnen Spülwässern und viel zu süßen Bagles der letzten Tage. Es gibt Ei mit Speck und Brot und kannenweise richtig guten Kaffee!

 

Auch die Roosevelt Lodge hat einen Giftshop! Ich werde mir an dieser Stelle einfach jeden Kommentar ersparen – es ist eh klar, was wir damit machen. Dann noch schnell ein paar Gruppenbilder, und weiter geht die Fahrt. Wir bekommen weitere tolle Landschaften zu sehen – und natürlich zu fotografieren,  

  noch einige Büffel, wir halten auch noch einmal an Mammoth Hot Springs, um uns die Geschichte von oben zu betrachten. Die weißen Kalkterrassen, auf denen manchmal noch ganz schwarze, abgestorbene Bäume stehen, sind genauso faszinierend wie die Schwefelablagerungen. Wir machen Fotos von den vielen dampfenden Stellen, manchmal sogar mit etwas Grün in der Umgebung, und die Abrisskante, die wir vor zwei Tagen schon von unten abgelichtet haben, gibt auch von hier ein tolles Bild, zumal sich so die Umgebungslandschaft wieder einmal super integrieren lässt.       

 

Bald geht die Fahrt weiter, wir biegen am Hotelkomplex ab Richtung South Entrance Road. Einige Meilen davon entfernt, wir mögen vielleicht in etwa eine ½ Stunde gefahren sein, sind in der Ferne einige stehende Autos zu sehen. Ich nähere mich langsam der Stelle und kann mich vor Entzücken kaum mehr halten: Da steht er, mein Hirsch mit dem Geweih. Einer bloß, aber ein Geweih! 

    Da hat das Universum meine Bitte also erhört – hiermit möchte ich ihm dafür nochmal herzlich danken! Da der Gute rechts vom Auto steht, sind meine Möglichkeiten, an brauchbare Bilder zu kommen, begrenzt, weshalb Gabriele auch immer mal wieder kurz ein paar Auslösungen mit meiner Kamera macht. Außerdem lässt der Hirsch sich nicht beirren: Er frisst in aller Seelenruhe weiter – kein Grund also zu hetzen; wir bleiben stehen und ich schalte den Motor ab. Bis wir von weiter hinten Geschrei hören… Ahhh Stau, und wir sind der Kopf. Vielleicht sollten wir jetzt doch weiterfahren?! Gabriele stimmt mir widerwillig zu. Aus dem Fond tönt der Satz: „So, und jetzt noch einen Bären!“ „Ja nee, is klar! Und das darf ich dann jetzt wieder mit dem Universum klären, oder was?“ Jo, man ist sich da einig, das könne ich doch wohl tun.

 

Wir folgen noch einmal einer Schotterpiste, die etwas höher gelegen ist als die geteerte Straße, was uns noch einige Draufsichtbilder beschert.

     Wieder auf der Grand Loop Road zurück, begegnen wir einigen sehr alten Autos, oder zumindest dem, was wir dafür halten, und die Mädels geben sich alle Mühe, aus dem Fond des Autos heraus einige Bilder für den Lebensverschönerer zu schießen, was für allgemeine Heiterkeit sorgt. Wir essen im Grand Village zu Mittag und verlassen um ca. 16:00 Uhr den Park. Mit sehr viel Wehmut, wie ich hiermit betonen möchte! Ich überlasse Gabriele das Steuer und wir vertreiben uns die etwas mehr als einstündige Fahrt mit dem Erzählen alter Geschichten.          Um ca. 17:30 Uhr erreichen wir unser Hotel, das „Parkway Inn“, und nehmen unsere Zimmer in Beschlag. Damit jetzt aber nicht jeder auf seinem Zimmer hockt und Trübsal bläst, beschließen wir, noch eine Runde durch die Stadt zu drehen. In Jackson Hole wird heute gefeiert. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob ich das wirklich richtig verstanden habe, aber ich glaube, die Stadt feiert die amerikanisch-japanische Freundschaft. Wir stehen zusammen mit einer dieser leckeren Zitronenlimonaden in den Händen und bestaunen eine japanische Trommelgruppe, in etwa eine wie „Stomp“, nur nicht ganz so heftig. Der Abend ist dem Bilder Ansehen vorbehalten; mit zwei Pizzen auf dem Tisch eine wunderbare Sache. Da Sabrina bereits auf Bitterroot der Rechner abgeraucht ist, und ich ihre Bilder immer auf meinem zwischengespeichert habe, kann sie erst heute das erste Mal ihre Bilder genauer unter die Lupe nehmen. Zeit für ein wenig Manöverkritik.

 

Keiner mag heute länger machen als unbedingt nötig. Die Reise hat an den Kräften gezehrt – so wie es die Reisen mit Gabriele immer tun, aber niemand will die Zeit missen: Es herrscht diese erschöpfte Glückseligkeit vor, wie ich sie schon bei all den anderen Reisen hatte. Als wir im Bett liegen, schleicht sich wieder einmal eine Melodie langsam in meinen Kopf, der heute nur eine kleine Textzeile mitrauschen lässt: Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?

Hier geht’s weiter!

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