14. Juni 2012 – Erster Tag

Der Wecker schellt um 5:15 Uhr, es ist Donnerstag, der 14. Juni 2012, und ich fühl mich schon wieder wie im falschen Film. Draußen ist alles ruhig und noch dunkel, warum also der Stress? Ach ja: Amerika. Gabriele. Bitterroot Ranch… Ich bin da! Endlich angekommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Als mir das wieder klar wird, bin ich plötzlich hellwach. Auf! Auf! Wir haben doch keine Zeit. Zeit ist Geld – also lass uns nichts verschwenden und losfahren, damit wir nichts verpassen und schon das erste frühe Licht in diesem tollen Land nutzen können.

Als wir das Hotel verlassen blinzeln die ersten Sonnenstrahlen gerade über den Bergkamm hinter dem Haus. Um uns herum stehen weitere Hotels, ähnlich wie man sie aus den Alpen kennt. Noch ein prüfender Blick auf die Hänge und ich erkenne, dass wir uns hier offensichtlich in einem größeren Skigebiet befinden. Da vor den Hotels aber trotzdem reichlich Autos stehen, gehe ich davon aus, dass, genau wie in den Alpen, die Sommermonate von Wanderern genutzt werden.

Am Auto treffen wir auf verschlafene Gesichter. Zumindest sind die Gesichter verschlafen, die wir dort treffen: Ein paar fehlen noch. Die werden doch nicht verschlafen haben? Nein, haben sie nicht – sie brauchen nur noch einen Moment. Die Autos so zu packen, dass alles Gepäck hineinpasst, ist nicht ganz einfach, denn auch Maike, Steffi und Beat haben nicht die Autoklasse bekommen, die sie bestellt hatten. Einmal noch kurz umgestellt und ein wenig gequetscht und schon passt alles ins Auto wie bestellt.

Doch kaum sind wir losgefahren, stelle ich bei Gabriele schon diese typische, suchende Haltung hinter dem Steuer fest: leicht nach vorne gebeugt, an das Lenkrad herangezogen dreht sie den Kopf hin und her, bis dann auch die aufklärende Frage folgt: „Wir haben den Fluss doch nicht etwa schon überquert?!“ Nein, Gabriele, einen Fluss haben wir nicht überquert! Der ersehnte Fluss zeigt sich dann ein paar Meilen weiter, sie hält an und lässt uns aussteigen. Na Prima! Wenn wir in dem Tempo weiter machen, dann sollten wir die 120 Meilen bis zur Ranch vielleicht bis heute Abend geschafft haben! Aber als ich mich auf die Situation einmal eingelassen habe, finde ich den Plan, die Landschaft am Fluss in der gerade aufgehenden Sonne zu fotografieren, gar nicht mehr so doof. 

    Und dann kommt es, wie es kommen muss: Gabrieles Timing ist einfach anders als unseres. Kaum haben wir begriffen, wie schön dieses Motiv ist, beginnen wir nach weiteren Motiven zu suchen. Da mahnt Gabriele aber auch schon zur Eile: wir haben heute ja schließlich noch was vor! Ja nee, is klar! Aber beruhigend zu wissen, dass sich manche Dinge halt nie ändern.

Da wir ohne Frühstück das Hotel verlassen haben, meldet sich jetzt bei den ersten der Kaffeedurst. Zurück in Jackson Hole halten wir beim großen goldenen M und testen die Qualität; man kann der Kette viel vorwerfen, aber der Kaffee ist gut. Wie gut er wirklich ist, werden wir aber erst im Laufe der Woche zu schätzen lernen. Wir lassen die Stadt hinter uns und fahren Richtung Flughafen, biegen jedoch einige Meilen vorher rechts von der Hauptstraße ab, weil Sascha hier einen oder zwei Tage zuvor schon ein paar Büffel gesichtet hat. Wieder fahren wir nur wenige Minuten bis sich das gewünschte Motiv zeigt: rechts, ein paar Meter von der Straße entfernt, steht eine kleine Gruppe Büffel und grast. Wir halten an und zücken die Kameras. Es ist ein unglaublicher Moment, diese mächtigen Tiere in Freiheit so nah zu erleben. Kurz vor unserem Auto kreuzen sie die Straße und ziehen dann auf der anderen Seite weiter. Unsere Blicke und Objektive folgen ihnen voll Ehrfurcht und Staunen. 

 

Die Tiere ziehen weiter, und wir lösen uns von dem Anblick. Unser Weg verläuft entlang der Teton Mountains, auch genannt Teton Range. Die Bergkette bildet die Ostflanke der Rocky Mountains und erstreckt sich 100 km in Nord-Südrichtung im US-Bundesstaat Wyoming bis an die Grenze zu Idaho. Die beiden höchsten Gipfel der Kette sind der Grand Teton mit 4198 m und der Mount Moran mit 3842 m. Der Name Teton stammt von frühen französischstämmigen Pelzhändlern, die den Grand Teton wegen seiner Form bei Ansicht von Norden nach einer weiblichen Brust (französisch: téton) genannt haben. Eine sehr männliche Ansicht, wie ich finde… Die Bergkette setzt sich nach Süden in der Salt River Range fort; im Südwesten schließen sich die kleinen Big Hole Mountains an. Die Teton Range bestimmt den Lauf des Snake Rivers, der unmittelbar unter ihrer Ostflanke in voller Länge die Kette begleitet, dann nach Westen und Nordwesten biegt und so die Bergkette zu etwa 3/4 umfasst. Fast die gesamte Ostflanke der Teton Range sowie der Westen von Jackson Hole gehören heute zum Grand-Teton-Nationalpark, die Westflanke zum Traghee National Forest, einem Nationalforst. Dass dieses Gebiet in dieser Größe heute Nationalpark ist, kommt besonders den Tieren des Yellowstone-Nationalparks zu Gute, die sich zum Teil in den strengen Wintern in dieses mildere Klima zurückziehen.

Wir folgen dem Lauf der Bergkette und des Flusses nach Norden, nicht ohne immer mal wieder einen Fotostopp einzulegen: einmal halten wir vor dem scheinbar gesamten Panorama der Bergekette und machen Fotos, wie wir diese auf den Armen tragen oder fotografieren durch die Beine anderer Teilnehmer hindurch. 

     Wir fotografieren Blumen und Sträucher, andere Teilnehmer oder Landschaftsbilder mit Fluss und Bergen oder Holzzaun und Bergen oder halt mit allem zusammen. Die Landschaft bietet eine so unerschöpfliche Fülle an Motiven, dass Gabriele immer wieder Mühe hat, uns zum Weiterfahren zu bewegen. Irgendwann lassen wir die Bergkette hinter uns und wenden uns nach Südwesten, es wird weniger grün, und wir merken, dass wir an Höhe gewinnen. Nach einer langen Kurve ist die Straße plötzlich gesperrt: Bauarbeiten. Mitten auf der Straße steht ein Typ mit einem Panel in der Hand, und als er uns sieht, dreht er es auf „STOP“. Prima! Das könne dauern, meint Gabriele, hält an und stellt den Motor ab. Der Typ nimmt sein Panel wieder runter und setzt sich auf die Leitplanke – wir warten. Von hinten fährt irgendwann ein Auto an uns vorbei und stellt sich zu denen der Arbeiter. Ihm entsteigt die Reinkarnation von John Wayne, stilecht mit Hut, Chaps und Rädchensporen. Solche, die sogar klingeln! Er kommt an unser Auto und reicht Broschüren herein. Aha! Was soll das jetzt bitte? Gabriele erklärt, dass John von der Baufirma geschickt wird, um sich für die Unannehmlichkeiten durch die Bauarbeiten zu entschuldigen und dass in den Broschüren erklärt wird, was es mit diesen auf sich hat. Kaum will er weiter zum nächsten Auto gehen, steigt Gabriele aus und möchte ein Foto mit John. Und Schwupps hat sie schon den ersten Mann dieser Reise im Arm.   John ist amüsiert und vermutlich sogar geschmeichelt und lässt sich gerne von uns mit und ohne Gabriele ablichten bis eine Autokolonne durch die Baustelle auf uns zukommt. Es geht weiter. Das erste Auto der Kolonne wendet, setzt sich vor uns und wir folgen ihm – Gabriele scheint diese Vorgehensweise zu kennen, ich komme aus dem Staunen nicht heraus! Die spinnen, die Amis! Das, was bei uns eine Ampel regeln würde, wird hier mit Manpower gestemmt: Der Typ mit dem Panel ist Nummer eins, dann der Typ in dem Auto, an dem hinten ein großes Schild mit den Worten „Pilot Car – Follow me“ angebracht ist und ein Panel-Typ am anderen Ende der Baustelle.    Die Amis haben offensichtlich nicht sonderlich viel Vertrauen in ihre Bevölkerung, sonst würde man sie doch nicht derartig bevormunden. Aber egal: wir hinterher!

Irgendwann ist die Baustelle zu Ende, und wir dürfen wieder eigenverantwortlich der Straße folgen. Die Umgebung ist jetzt deutlich weniger grün – rote Steine beherrschen das Bild bis wir eine Siedlung erreichen. Es ist jetzt später Vormittag, vielleicht so gegen 11:00 Uhr, als wir in Dubois ankommen. Dubois spricht man, wie man es schreibt. Gabriele erklärt uns, dass, entgegen unserem Bedürfnis, man das Wort nicht französisch ausspricht. Dubois ist eine Stadt mit ungefähr 1000 Einwohnern, die 2117 m über dem Meeresspiegel liegt. Die Einwohnerzahl kann das Örtchen gut verbergen, denn es scheint, als würde es dort nur eine Tankstelle, einen Landmaschinenhandel, ein Warenhaus und ein Museum geben. Die Zahl der offensichtlichen Wohnhäuser ist dabei fast zu vernachlässigen. Gabriele hält als erstes am Museum. Gut, ein bisschen Kultur kann ja nicht schaden. Mit Kultur hat dieses Museum aber nicht wirklich etwas zu tun: hier wird im Wesentlichen das Leben und die Optik der Dickhornschafe erläutert. Hier gibt es diese Tiere in präparierter Form in einer mir bis dahin nie vorgekommenen Fülle.

Die tagaktiven Dickhornschafe sind vorwiegend Gebirgsbewohner und deshalb besonders gute Kletterer. Sie sind häufig auf grasbewachsenen Berghängen in der Nähe von Felsklippen zu finden. Im Sommer kommen sie in Höhen bis über 2500 Metern Seehöhe vor, im Winter wandern sie in tiefer gelegene Regionen ab. Sie erreichen eine Kopfrumpflänge von 150 bis 180 Zentimetern, wozu noch ein 10 bis 15 Zentimeter langer Schwanz kommt, und eine Schulterhöhe von 80 bis 100 Zentimetern. Das Gewicht variiert von 35 bis 140 Kilogramm und hängt vom Geschlecht und Lebensraum ab – Männchen sind stets deutlich schwerer (Durchschnitt 120 Kilogramm) als Weibchen (Durchschnitt 70 Kilogramm) und Wüsten-Dickhornschafe sind kleiner als die gebirgsbewohnenden Tiere. Damit sind Dickhornschafe viel größer und schwerer als europäische Wild- und Hausschafe. Das Fell ist bei den nördlichen Populationen im Sommer dunkelbraun und verblasst im Winter zu einem Graubraun. Bei südlichen Populationen ist das Fell – abhängig von der Region – ganzjährig braun oder hellbeige. Beide Geschlechter tragen Hörner, die der Weibchen sind jedoch deutlich kleiner und ragen säbelartig nach hinten – sie drehen sich nie ein. Die Hörner der Männchen sind massiv und drehen sich nach hinten über die Ohren, dann abwärts und nach vorne. Bei älteren Männchen beginnen die Hörner eine zweite Drehung. Bei alten Männchen können die Hörner 14 Kilogramm wiegen und sich über mehr als 80 Zentimeter erstrecken.

Der Film, der dort gezeigt wird, und den wir mit großem Interesse anschauen, ist gut gemacht und zeigt, wie die Tiere leben und sich in ihrem Lebensraum verhalten. Wir bekommen Einblicke in die Bildung der Rangordnung und die Rituale zur Paarungszeit. Besonders beeindruckend ist, wie die Widder miteinander kämpfen: Allein vom bloßen Hinsehen bekomme ich Kopfschmerzen, denn das Geräusch, wenn die Hörner mit voller Wucht aufeinander schlagen, hört sich wirklich gewaltig an.

Wissen ist ja eigentlich immer gut – wir werden es aber die nächsten Tage nicht wirklich brauchen können, da wir kein lebendes Exemplar dieser Tiere zu Gesicht bekommen werden.

Nach knapp einer halben Stunde verlassen wir das Museum wieder und fahren zum Büro der Bitterroot Ranch, das sich hier in der Stadt befindet. Die Besitzer der Ranch, Mel und Bayard Fox, besitzen außerdem ein internationales Reiterreisen-Unternehmen (www.ridingtours.com), das ebenfalls von hier aus geführt wird. Hier müssen wir uns anmelden und allerlei Formulare ausfüllen. Besonders die Teilnehmer, die beabsichtigen zu reiten, müssen Verzichts- und Ausschlussformulare unterschreiben, da die Amis ja bekanntlich wegen jeder Kleinigkeit klagen und das auch meist mit hohem Streitwert. Wer sich dagegen nicht großflächig absichert, hat vermutlich schon verloren. Da ich nicht beabsichtige zu reiten, verzichte ich zuerst auf diese Erklärung, was aber nicht geduldet wird: allein meine Anwesenheit auf der Ranch erfordert den Verzicht auf jeglichen Schadenersatz gegen die Besitzer. Ja nee…. is klar!

Nachdem alles unterschrieben ist, geht die Reise weiter. Nächster Stopp nach ein paar Metern: das Warenhaus – wir würden Lebensmittelladen sagen. Auf der Ranch wird es drei Mahlzeiten geben. Alles was wir sonst noch brauchen, sollten wir hier und jetzt besorgen, denn die Ranch liegt etwas außerhalb der Stadt. „Etwas“ heißt in diesem Fall 25 Meilen – 10 Meilen (ca. 18,5 km) auf der geteerten Bundesstraße und weitere 15 Meilen (ca. 28 km) über eine befestigte Schotterpiste. Da fährt man nicht mal eben noch los, wenn das Salz alle ist.

Da wir an diesem Morgen kein Frühstück hatten, meldet sich jetzt so langsam bei allen Reiseteilnehmern der Hunger, der jedoch nicht groß genug ist, um die Strecke bis zur Ranch in einem durch zu bewältigen. Noch zweimal halten wir an, weil wir die Landschaft einfach ablichten müssen. Der rote Canyon zum Beispiel mit seinen grünen Flanken schreit geradezu danach fotografiert zu werden, und so dauert der Stopp dann auch ca. 20 Minuten. Ein Fell, das ein paar Schritte vom Wegesrand entfernt herumliegt schürt außerdem allerlei Spekulationen…

   

Der erste Blick auf die Ranch raubt mir fast den Atem: Als wir um eine nicht einsehbare, leicht abschüssige Kurve kommen, erstreckt sich einige Höhenmeter unter uns ein großes, grünes und fruchtbares Tal in mitten roter Felsen. So wie die Ranch vor uns liegt, trifft die Bezeichnung Oase eigentlich am ehesten zu, auch wenn wir uns hier nicht direkt in der Wüste befinden. Während wir der Serpentinenstraße Richtung Ranch folgen, bemerkt Gabriele noch nebenbei, dass wir uns schon lange auf zur Ranch gehörendem Gebiet befinden. Amerika – was für ein Land! Es ist kurz nach 12:00 Uhr mittags, als wir die ersten Gebäude von nahem erblicken; der zweite Blick fällt auf eine Gruppe Reiter, die ihre Pferde im eigenen Flüsschen nach einem langen Ausritt saufen lassen. „Na? Wie ist es? Die ersten Pferdebilder?“ fragt Gabriele? Aber sicher! Immer!!  

Wir verlassen das Auto und klettern hinunter zum Wasser und machen dort Fotos von der Reitgruppe bis wir uns auf den Weg zum Haupthaus machen. Um dorthin zu kommen, müssen wir das Flüsschen erst über eine stabile Holzbrücke überqueren. Eine Baumreihe versperrt noch den Blick auf die Farm, doch dahinter erstreckt sich das westerngewohnte Bild amerikanischer Serien: zur Linken das hölzerne große Haupthaus mit Terrasse, davor eine kleine Wiese, abgegrenzt durch einen hölzernen Zaun, an dem alte hölzerne Wagenräder lehnen. Zur Rechten ein großer Holzcoral mit riesigem Tor und angrenzendem Stallgebäude. Im Hintergrund Koppeln holzumzäunt. Da werden Pferdemädchenträume wahr!

Am Haupthaus angekommen werden wir herzlich von Mel in Empfang genommen und gleich zu Tisch gebeten, denn auf Bitterroot wird pünktlich um halb eins gegessen. Es gibt Wraps zum Selberrollen mit Bohnenmousse, Gehacktem, Tomaten, Sourcreme und Salat. Sehr lecker! Dazu selbstgemachte Zitronenlimonade, die rein gar nichts mit dem Zeug der großen amerikanischen Getränkemarke zu tun hat, denn: SEHR lecker!

Danach beziehen wir unsere Zimmer bzw. Häuser. Unseres, also das von Manuela, Sascha, Sabrina und mir, liegt etwas ab vom Haupthaus auf der anderen Seite des Flüsschens und ein wenig bergauf. Es ist ein uriges Holzblockhaus –wie aus dem Film- das aufgeteilt ist in zwei Hälften. Je ein Zimmer mit Bad, zwei Betten, zwei Kommoden, zwei Sesseln, Schreibtisch und Stuhl. Großartig! Während die Anderen sich fertig machen zum Reiten, packe ich nur meine Kamera ein und wundere mich noch kurz über den schwefeligen Geruch im Haus, bevor es auch schon wieder los geht.

Nachdem die Pferde verteilt und alle Teilnehmer mit modernen Reitkappen ausgestattet sind, erteilt Meg einen kleinen Reitkurs im Westernreiten, den ich mir noch geduldig mit anhöre bis die Gruppe zum Ausritt aufbricht. Grundsätzlich ist es den Gästen auf Bitterroot nicht erlaubt, in den großen Paddock zu den Pferden, die nicht für die Ausritte eingeteilt sind, zu gehen, aber mit Gabrieles Erlaubnis wage ich mich doch hinein. Da mich niemand aufhält, vermute ich, dass sie das abgesprochen hat. Die Herde dort besteht aus vielen unterschiedlichen Pferden: da gibt es Araber, vermutlich aus der Zucht von Mel, mit denen sie zur Zeit nicht züchtet, Appaloosas, verschiedene Schecken und auch Ponys – sicher für die kleinen Gäste gedacht. Mir scheint die Herde nicht sehr homogen, immer wieder gibt es kleine Rangeleien und Drohgebärden, was mir kein gutes Gefühl macht. Einige Tiere sind aber auch neugierig und kommen mal nachschauen, was denn dieser Mensch da so macht; manche sogar recht aufdringlich. Für die Fälle, bei denen ich mich jedoch etwas arg bedrängt fühle, reicht ein einfaches Aufrichten zu voller Größe, um wieder Klarheit darüber herzustellen, wer und was ich eigentlich bin. 

 

Als ich genügend Bilder von dösenden Pferden habe, begebe ich mich auf die Suche nach weiteren Motiven. Das vermeintliche Stallgebäude ist eine riesige Sattel- und Futterkammer. Hier hängen Sättel und Westernzäume zuhauf herum ebenso wie Halfter, Lassos, Decken und allerlei anderer Kram, den der gemeine Pferdebesitzer so braucht. Nur halt eben der Menge der vorhandenen Pferde angepasst. Direkt gegenüber der Tür hat es sich eine Katze auf einer Satteldecke bequem gemacht – die kommt mir gerade recht, bin ich doch schon jetzt auf Kuschelentzug! Kurzes Kraulen wird akzeptiert, doch schon bald geh ich ihr (oder ihm) ziemlich auf die Nerven. So wird meine Hand mit beiden Vorderpfoten, incl. Krallen umfangen und die Zähne werden in meinen Daumen vertieft. OK… alles in erträglichem Rahmen. Dass ich die Hand nicht kreischend wegziehe, erstaunt das kleine Fellknäuel dann aber doch – das ist nicht die Reaktion, die es erwartet hatte. Neugierig  und überrascht werde ich gemustert: „Jetzt zieh schon endlich weg!“ denkt sie sich wohl, aber die Hand bleibt wo sie ist. 

    Als ich einfach weiterkraule, werden die Hinterpfoten mit eingesetzt zum Wegschubsen der Hand – allerdings ohne Krallen bis… ja, bis man sich entschließt, krabbeln doch gar nicht so schlecht zu finden. Unten am Boden erwartet inzwischen jemand weiteres seinen Anteil an der Krabbelstunde. Und so bin ich eine Weile lang beschäftigt, ohne auch nur ein Foto gemacht zu haben. Das hole ich dann aber noch nach: die Katzen müssen noch mit aufs Bild und ich fotografiere jede Menge Details von all den Trensen und Sätteln.     Als auch diese Motive erschöpft scheinen, widme ich mich den Blockhütten und den Pflanzen rundherum bis die anderen von ihrem Ausritt zurückkehren. Auch hier mache ich schnell noch ein paar Fotos, wie sie die Pferde im Flüsschen tränken. 

Danach ist Eile angesagt. Da unsere Gruppe mit als letztes den Hof verlassen hat, kommt sie auch zuletzt zurück. Alle anderen Pferde stehen schon wieder gemeinsam im Paddock und warten darauf, für die Nacht auf die Koppel gelassen zu werden. Dieser Weideauftrieb soll unser erstes richtiges Pferdeshooting werden. Also werden den Reitern die Pferde abgenommen, damit sie ihre Kameras holen können. Der Plan ist, die Herde zu fotografieren, wenn sie noch geschlossen über den Weg am Haus kommt und ihr dann zu folgen, sobald sie sich auf die Koppel am Hang verteilt. Außerdem werden zwei Reiter die Herde begleiten, die uns die Pferde auch noch mal zusammentreiben sollen. Diese beiden Reiter werden der Sohn von Mel und Bayard, Richard, und sein Freund Tyson, der Schmied, sein. Richard ist ein Bild von einem Mann, ein smarter Typ, wie einer amerikanischen Serie entsprungen. Zur weiteren Beschreibung will ich mich mit dem Zitat einer Reiseteilnehmerin begnügen: „Den würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen!“ Tyson bedient da schon eher das Klischee des lonesome Cowboys. Um das Bild komplett stilecht zu machen, hat Gabriele außerdem vorher die Pferde ausgesucht, welche die beiden reiten werden: Richard reitet Millie, eine Braun-scheck-Stute, Tyson den Appaloosa Arizona. Von der Stelle aus, von der aus man die Herde geschlossen von vorn hat, kann man aber das riesige Paddocktor nicht einsehen, weshalb Gabriele mich bittet, auf dem Hof zu bleiben und diese Szene einzufangen; die anderen machen sich auf den Weg zur Koppel.

Auf Gabrieles Signal hin machen die beiden Jungs die Pferde auf dem Paddock noch kurz ein bisschen heiß, dann öffnet eine Helferin das Tor und die Herde kommt in vollem Tempo herausgeschossen. Ich sitze auf der anderen Seite des Hofes an den Zaun gelehnt und schieße Dauerfeuer! Mal nur Pferde im close-up, dann wieder die ganze Szenerie mit dem klassischen großen Holzgatter in voller Größe. 

    Zu meinem Glück kommt nicht die ganze Herde auf einen Schlag durch das Tor, sodass meine Kamera auch immer mal wieder Zeit hat, die vielen Bilder auf die Speicherkarte zu übertragen. Als jedoch auch das letzte Pferd und beide Reiter das Tor passiert haben, muss ich die Beine in die Hand nehmen und hinterher laufen. An dieser Stelle sind die anderen jetzt ganz klar im Vorteil.

Immer mal wieder bleibe ich stehen, um Luft zu holen. Dabei nutze ich die Zeit, der Herde hinterher zu fotografieren bis ich wieder Anschluss an Herde und Gruppe gefunden habe. Jetzt zeigt sich, wie steil der Hang hinter der Ranch wirklich ist. Schon auf der Hälfte der Höhe bleibt mir schwer die Luft weg, bei ¾ der Strecke glaube ich meine Lungen platzen zu fühlen. Um mich herum scheint es einigen anderen Teilnehmern nicht besser zu gehen, aber die Gier nach guten Bildern treibt uns weiter. Zwischendurch wird immer wieder fotografiert: bunte Pferde in Bewegung am Hang vor blauem Himmel, Portraits und Reiterbilder in allen erdenklichen Ausschnitten.   

  Einige Male schickt Gabriele die beiden Männer los, um uns die Pferde zurückzuholen, denn die haben sich wie gewohnt schon weit auf die riesige Koppel verteilt, um ihren wohlverdienten Feierabend zu genießen. Als Gabriele den Pferden ihre Ruhe gönnen will, legt sie den Fokus einzig auf die Reiter. Sie sucht Gelegenheiten, die beiden Cowboys immer wieder in anderem Kontext darzustellen, was auch gelingt: einmal stellt sie die beiden vor einem riesigen abgestorbenen grauen Baum auf: ein wunderbarer Kontrast zu den bunten Pferden und dem Cowboy-Outfit der Männer.      Dann lässt sie die Männer absitzen und schafft somit ein Bild, als würden sie eine Pause von der Arbeit machen.    Danach sollen sie nacheinander einen schmalen Pfad herunter reiten. Die Motive sind so angeordnet, dass wir uns im großen Bogen hangabwärts wieder der Ranch nähern. Am Fuß den Hanges stoßen wir auf einen Teich, dessen Oberfläche zur Hälfte mit irgendeinem Schlamm bedeckt ist. Der schwimmt genau an der Stelle, an der es flach genug wäre, in den Teich hineinzureiten. Zuerst lässt Gabriele die beiden Reiter malerisch am Ufer stehen, möchte aber dann, dass sie in den Teich hinein reiten. Nach kurzem Zögern und vermutlich der Überlegung, ob Gabriele das wirklich ernst meint, treibt Richard Millie an, in den Teich hinein zu gehen. Als williges Westernpferd tut sie natürlich, was der Reiter von ihr verlangt. Ein paar Schritte hinein, umdrehen und wieder hinausreiten: Wir bekommen wundervolle Wasserfotos.   Tyson ist immer noch unschlüssig, ob er Richards Beispiel folgen soll, tut es dann aber doch, nachdem die beiden Männer miteinander gesprochen haben. Da Richard Gabriele schon seit Kindesbeinen kennt, könnte er Tyson gesagt haben, dass Gabriele sowieso erst Ruhe geben wird, wenn auch er im Wasser gewesen ist. Man kann Tyson seine Skepsis förmlich im Gesicht ablesen, als er Arizona in den Teich reitet. Da Richard sich ein weiteres Mal anschickt ins Wasser zu reiten und dabei die selbe Stelle nimmt wie zuvor, ist Tyson gezwungen etwas weiter links ins Wasser zu reiten. Arizona macht zwei Schritte ins Wasser hinein und tritt dann offensichtlich ins Leere. Das Pferd verschwindet bis zu den Ohren im Wasser, der Widerrist guckt gerade noch so heraus und Tyson ist klatschnass bis zu den Oberschenkeln.   Das Gesicht, das er dabei zieht, ist zum Schießen und auch Richard rollt sich ab vor Lachen – Schadenfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude! 

Arizona sieht dann ziemlich schnell zu, wieder aus dem Teich heraus zu kommen, wobei ihm auch egal scheint, dass Millie ihm den direkten Weg versperrt: Sie wird einfach umgerempelt – Richard biegt sich immer noch vor Lachen. Danach entlässt Gabriele die Reiter und Pferde in den Feierabend. Noch ein paar Bilder den Reitern hinterher fotografiert und beendet ist das heutige Shooting. 

Während der wenigen Meter zurück zum Haus fällt Gabrieles Blick auf den Fluss… „Äähmmm… Richard!“ Es hätte mich auch gewundert, wenn Gabriele so schnell aufgegeben hätte… Gabriele erklärt den Männern, dass sie bitte den Fluss queren mögen, auf der anderen Seite ein Stück das Ufer hoch und hinab reiten sollen, um dann wieder auf unsere Uferseite zu reiten. 

    Diese Szenerie ist für alle Beteiligten nicht ganz einfach zu lösen: für die Reiter und Pferde nicht, weil es nicht ganz ungefährlich ist, über die großen Stein im Flussbett zu gehen; für die Fotografen nicht, weil der ständige Wechsel von Licht und Schatten wegen der hohen Bäume am Ufer die Kameras schon ordentlich fordern. Wir Fotografen wechseln noch einmal unseren Blickpunkt, indem wir von der Brücke aus fotografieren – dann ist aber wirklich Schluss. Die Reiter dürfen zurück zum Paddock; wir folgen ihnen.

Dort, welche Überraschung, warten zwei Damen auf uns, die sich schick gemacht haben. Beide mit Bluse, Halstuch und Hut – das haben sie vermutlich nicht getan, weil heute das Wetter so schön ist. Ich bin mir an der Stelle nicht sicher, ob ich die Ansage für diese Motiv verpasst habe, oder ob Gabriele vergessen hat, dass sie die beiden Damen bestellt hatte. Ist aber auch egal: Wir fotografieren weiter. Szenen aus dem echten Leben, wie z.B. Mädchen beim Gedankenaustausch, Mädchen im Zwiegespräch mit ihren Pferden, Portraits, Details – Auslösungen bis die Kameras qualmen.

  Gabriele ist aber trotz aller Umstellerei der einzelnen Szenen nicht wirklich glücklich mit den Ergebnissen, da weder Pferde noch Damen wirklich entspannt wirken. Deshalb verwirft sie nach kurzer Zeit die Einstellung und baut das Shooting neu auf: Mädchen mit Pferd, Hund und Mann: nächster Auftritt Richard. Für mich eröffnet sich erst langsam die Erkenntnis, das Gabriele da gar nicht wirklich ein Motiv basteln muss: eine der beiden jungen Frauen, die Gabriele angewiesen hat, sich zu Richard zu gesellen und ihn nett anzulächeln, ist Hadley, Richards Ehefrau…    Diese Szene funktioniert viel besser – und siehe da: auch die zweite Dame wird plötzlich interessant, denn als sie der Meinung ist, es würde sich für sie niemand mehr interessieren, lehnt sie plötzlich ganz entspannt an der Wand und hat lässig das Pferd neben sich stehen. Na also: geht doch!    Zu guter Letzt möchte noch ein junger Mann fotografiert werden, der zwar ganz gut aussieht, aber offensichtlich nicht besonders gut mit Pferden umgehen kann; wer das genau ist, wird sich uns nicht mehr erschließen.

Als von diesen Motiven auch das allerletzte Bild geschossen ist, ist für heute dann aber wirklich Schluss. Im Haus wartet das Abendessen auf uns. Es gibt Lamm mit Gemüse und Kartoffeln oder Brot und zum Abschluss einen sehr leckeren Erdbeer-Cake. Gabriele und ich sitzen zuerst am Tisch, – die anderen scheinen erst ihre Kameras in die Zimmer zu bringen – als Bayard Fox zu uns an den Tisch kommt und mich mit deutlich amerikanischen Akzent, aber immerhin, fragt: „Haben Sie gute Fotos gemacht?“ „Ja! Habe ich!“ antworte ich und Gabriele amüsiert sich über mein Erstaunen. Sie erzählt, dass Bayard nicht nur Deutsch, sondern auch noch etliche andere Sprachen fließend spricht und außerdem auch einer der Marlboro-Cowboys aus der Werbung war. Respekt! Ich würde ja behaupten, dass es über Jahrzehnte immer die beiden selben Männer waren, die sich da am Lagerfeuer herumgedrückt haben, aber das scheint nicht zu stimmen, und da Bayard heute weit über 80 Jahre alt ist, will ich keine Einschätzung dazu treffen, welcher es am ehesten gewesen sein könnte.

Nachdem wir alle, inklusive Richard und Hadley, gegessen haben, treffen wir uns im Aufenthaltsraum und wollen gemeinsam Bilder auslesen und besprechen. Alle sind ganz außer Rand und Band wegen dieses tollen Nachmittages; es gibt im Raum nur glückliche Gesichter! Zwischendrin schweift mein Blick nach draußen: der tollste Sonnenuntergang! Das Bild brauch ich – ohne geht überhaupt gar nicht, obwohl ich das als einzige so sehe; die anderen können sich von den Pferdebildern einfach nicht lösen. Ich bin aber von diesem Bild so begeistert, dass ich die Heimat daran teilhaben lassen muss und via iPhone noch schnell in Facebook hoch lade. 

Irgendwann ist jedoch auch heute Bett-geh-Zeit. Die Rechner in allen Zimmern laufen und ich will noch duschen. Die Dusche in unserem Zimmer hat Sabrina schon am Mittag nicht in Gang gebracht, weshalb ich gleich zu den beiden anderen ins Zimmer gehe. Dabei fällt mir auf, dass es das Wasser ist, das so furchtbar nach Schwefel stinkt, ich kann jedoch an der Stelle nicht mehr klären, was es damit auf sich hat.

Müde fallen wir alle in die Kissen. Was für ein Tag?! Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen: Haben Sie schöne Bilder gemacht? YES!! I have!!

Hier geht’s weiter!

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