15. Juni 2012 – Zweiter Tag

Der nächste Morgen, es ist Freitag, der 15. Juni 2012, beginnt auf Boisellesche Art: 5:25 Uhr aufstehen, 5:50 Uhr treffen am Haupthaus, kein Frühstück! Richard ist noch nicht ganz fertig mit dem Satteln, weshalb wir warten müssen. Da kommt auf der anderen Seite des Hofes die große Herde, die wir am Vorabend auf die Koppel begleitet haben, in vollem Galopp wieder herein. Das gibt natürlich auch super Bilder, auch wenn dieses Motiv so gar nicht geplant war. Etwas unorganisiert springen wir um unser Auto herum, in dessen Umgebung wir uns ständig halten, damit keines der Pferde auf die Idee kommt, uns umzurennen. 

    Die ersten Pferde haben genug Speed, dass sie unsere Anwesenheit nicht weiter stört – die nachfolgenden sind jedoch irritiert und drehen wieder um. Gabriele scheucht uns hinter das Auto; und weiter geht’s! Je mehr Pferde den Weg passieren, um so mehr Staub wirbeln sie auf, was wunderbare Fotos ergibt, denen man schon bald nicht mehr ansieht, wo und wann sie entstanden sind.    Manchmal muckt der ein oder andere Autofokus, denn klare Kontraste sind irgendwann für die Kameras nicht mehr auszumachen, was wir jedoch vollständig ignorieren: wir halten drauf, egal was kommt.

Kaum sind alle Pferde im Paddock angekommen, da ist Richard auch fertig mit dem Satteln. Er wird eine kleinere Herde mit dem Pferd von einer Hochplateau-Koppel rechts oberhalb der Ranch herein holen. Eine Szene, die extra für uns gestellt wird, denn der Alltag sieht anders aus: große Quads haben längst das Pferd bei derartigen Tätigkeiten ersetzt. Wir folgen Richard mit dem Auto, denn niemand ist wirklich scharf darauf, den Hang noch einmal zu Fuß zu bewältigen. Der Weg auf das Hochplateau ist steinig, mit meist tief ausgewaschenen Fahrspuren, und gelegentlich kommen mir Zweifel, ob unsere Luxuskarosse für diese Art von Wegen gemacht ist, aber wir kommen heile und im ganzen Stück oben an. Auf der Koppel, die mit dem klassischen, im Dreieck aufgestellten Holzzaun umgrenzt ist, stehen vielleicht 20 Pferde in allen Farben, überwiegend jedoch fuchs- und schimmelfarbige Araber und ein bisschen was Buntes. 

  Wir beziehen Stellung auf, vor und hinter dem Zaun, während Richard uns die Pferde ein wenig herumtreibt: mal von rechts nach links und wieder zurück, mal direkt aus einiger Entfernung auf uns zu, was es uns wunderbar erlaubt, auch die Landschaft mit einzubeziehen.          Ich kann mich immer noch nicht satt sehen an dieser unglaublichen Weite,    aber es bleibt keine Zeit, sich einfach hinzusetzen und sich auszustaunen, denn Gabriele bastelt schon wieder an weiteren Motiven: zuerst soll Richard am Zaun auf- und abreiten, dann soll er am Zaun stehen und Ausschau halten – nach Indianern versteht sich! „Wer ein Weitwinkel mithat, kann es jetzt sehr gut einsetzen“, sagt Gabriele. Sicher hab ich ein Weitwinkel dabei… im Auto! Also flugs –so wie sich mit Anfang 40 „flugs“ anfühlt- wieder vom Zaun heruntergeklettert und zum Auto gelaufen, das Weitwinkel geholt und während des Zurücklaufens die Objektive gewechselt, das Zoom ins Gras gelegt und mich mit Kamera zu Richards Füssen geworfen…. Sagen wir mal, ich bin mir auch schon weniger albern vorgekommen, außerdem hab ich noch nicht wirklich eine Ahnung, was da für Bilder herauskommen sollen, aber was sich dann durch das Okkular zeigt, ist wirklich gut.  Zwei bis drei mal muss ich noch meine Position wechseln, bis es ganz stimmig ist, aber das macht mir jetzt richtig Spaß.   Bis Gabriele das Shooting beendet probiere ich noch einige andere Verhältnisse zwischen Zaun, Himmel und Landschaft aus, was ich auch noch ein wenig weiter hätte betreiben können. Uns bleibt jedoch jetzt nicht mehr allzu viel Zeit, denn wir haben noch eine weitere Verabredung. Das Motiv vom Abtrieb der Pferde über den Weg lassen wir uns aber nicht entgehen.     

Es ist kurz nach 7:00 Uhr, als wir wieder am Hof ankommen. Der Koch hat ein erstes Frühstück im Stehen für uns vorbereitet, das wir alle gerne annehmen. Ein Stückchen Kuchen und ein halber Kaffee müssen aber vorerst genügen, denn Gabriele treibt uns an: „Schnell, schnell! Ich wollte ein Shooting für 7:00 Uhr haben, was der Besitzer der Herde aber abgelehnt hat – und jetzt sind wir nachher noch nicht mal um 8:00 Uhr pünktlich.“ Ich springe auf den Beifahrersitz und warte – nichts passiert. Wo ist Gabriele? „Die sitzt doch bei Mel im Auto“, sagen mir die anderen. Ach was?! Dann soll ich also fahren? Ich wechsle schnell auf den Fahrersitz und schon können wir losfahren; von der Ranch herunter, ein wenig den Weg zurück Richtung Dubois bis wir irgendwann rechts abbiegen. Bald wird uns der Weg durch ein großes Gatter versperrt, welches Mel uns öffnet und nach uns wieder schließt. Hier endet das, was man gemeinhin als Weg oder Straße bezeichnet – man kann an verschiedenen Stellen erkennen, dass hier schon mal ein Auto gefahren ist, mehr aber auch nicht! Anfangs ist die Koppel gerade und gut zu befahren, dann ragen hier und da manchmal kleinere Felsen aus dem Boden, mit denen ich mich besser nicht anlegen möchte. Mel mit ihrem alten, sehr ursprünglichen Pickup, der auf hohen Rädern steht, fährt kreuz und quer über die von trockenem Gras und den allgegenwärtigen Thymianbüschen geprägte Koppel, mit einer für mich nicht erkennbaren Logik.

  Immer wieder gibt es Senken, die vermutlich im Frühjahr zur Schneeschmelze Wasser führen. Doch weiter in die Koppel hinein werden aus den Senken Gräben. Mel fährt hindurch. Da soll ich jetzt mit diesem Auto hinterher??? Das tu ich nicht! Das überlebt das Auto nie und nimmer.     Aber Mel hält nicht an – was soll ich also tun? Ich kann ja schlecht einfach stehen bleiben, aussteigen, die Arme vor der Brust verschränken und schmollend hinterher schauen…. Ich MUSS da hinterher, egal wie! „Mädels! Festhalten, jetzt wird’s ruppig!“ Sage ich noch und steige auf das Gaspedal, denn ich habe Bedenken im Graben stecken zu bleiben, wenn ich mit zu wenig Schwung auf der anderen Seite wieder heraus will. Unser Auto macht das richtig gut – das hätte ich ihm gar nicht zugetraut, auch wenn die Stoßstangen das ein oder andere Mal vorne oder wahlweise hinten Bodenkontakt haben. Auf der Rückbank wird gequiekt, aber auch gelacht – ich fahre weiter. Mel steuert auf eine Gruppe mit mannshohen Büschen zu, die durch eine wasserführende Furt geteilt wird. Durch den Abstand, den ich durch mein Zögern vorhin aufgebaut habe, kann ich nicht genau erkennen, wie tief das Wasser wirklich ist. Außerdem ist der Schlamm jetzt aufgewühlt, was eine Einschätzung zur Tiefe noch weniger möglich macht.    Aber was soll ich überlegen? Ich hab doch eh keine Wahl: Also hinterher! Die Büsche schleifen rechts und links quietschend am Lack entlang – ich bekomm Gänsehaut von diesem Geräusch… Doch weiter geht die Fahrt! ICH geb’ die Karre am Ende der Woche nicht wieder beim Verleiher ab, darauf kann Gabriele Gift nehmen; DAS darf sie schön selber erklären.

Mel hält vor einem grünen Streifen Weide, der sich an beige-roten, runden Hügeln entlangzieht. Für dieses fruchtbare Stück, auf dem es auch höhere Büsche gibt, ist vermutlich ein Bach verantwortlich, den wir aber von hier aus nicht erkennen können. Auf der anderen Seite des Grünstreifens kommt Richard entlang geritten, und wir können einige Rinder erkennen. „Wir haben noch ein Stück zu laufen“, sagt Gabriele und stiefelt Mel hinterher, die einen Weg durch die Büsche sucht, den auch wir mit den Kameras in der Hand bewältigen können. Auf der anderen Bachseite angekommen herrscht erst einmal Ratlosigkeit: Kein Rinderherdenbesitzer in Sicht. Was also tun? Richard vertreibt uns die Zeit damit, ein wenig auf den Felsen herum zu reiten, die, wie uns Mel erklärt, eigentlich gar keine Felsen sind, sondern versteinerter Staub von irgendeinem Vulkanausbruch, der vor hunderten von Jahren und hunderte von Meilen entfernt stattgefunden hat. Der Ausbruch muss ganz schön heftig gewesen sein, wenn der Vulkan soviel Staub bis hier her gespuckt hat.

Richard hat, so wie am Morgen auch schon, „Tease Me“ dabei, einen schicken, bunten Fuchs. Richard und „Tease Me“ auf den Felsen links und auf den Felsen weiter rechts, ein wenig höher auf den Felsen und ein wenig tiefer, Richard mal auf dem Pferd sitzend, mal neben dem Pferd stehend oder hockend,  Ausschnitte mit mehr oder weniger Hintergrund – diese Motive sind toll, geben aber keine Beschäftigung für einen ganzen Morgen her, weshalb wir uns bald den Rindern zuwenden.

   Grasende Rinder fotografieren ist allerdings auch keine sehr zeitfüllende Beschäftigung, weshalb Richard zumindest schon einmal versucht, die Herde alleine ein wenig zusammen zu treiben, was offensichtlich nicht ganz einfach ist. Außerdem ist es ihm nicht wirklich recht, ohne Anwesenheit des Besitzers die Tiere zu bewegen. Gut zu verstehen, denn wie sollen wir es diesem erklären, wenn einem der Tiere etwas passiert ist? Gabriele schickt uns auf der Suche nach dem besten Platz zum Fotografieren einen Hügel hinauf, um dann festzustellen, dass das doch nicht der richtige Platz ist. Wir erklimmen einen weiteren, höheren und machen dabei die ersten Fotos, die auch so schlecht gar nicht sind: Rinder, Cowboy und viel Landschaft sind doch eigentlich genau das, was wir haben wollten. Ein paar Blümchen vertreiben uns außerdem die aufkommende Langeweile bis sich ein zweiter Reiter nähert:    John P. Finley, Besitzer der Rinderherde. Wir also alle wieder herunter vom Hügel – Frühsport im Gym Boiselle!

Gabriele erklärt John kurz, was sie erwartet. John zeigt sich schnell verständig, was auch gut so ist, denn es ist jetzt bereits kurz nach 8:00 Uhr – lange werden wir nicht mehr dieses schöne, warme Licht haben bis die Sonne für harte Schatten sorgen wird. Während dieser Einweisung nutze ich die Zeit für ein paar Detailaufnahmen, denn John ist ein echter Typ: vielleicht so um die 50, wettergegerbtes Gesicht, braungebrannt mit Schnäuzer und rahmenloser, fast runder Brille, sehr old styled gekleidet und das Pferd mit super schönem Lederzeug ausgestattet.

      Meinethalben hätte Gabriele noch ein bisschen erklären können… Richard und John bewegen sich dann beide vorsichtig durch die Herde, was an sich schon klasse Fotos bringt. Die Bewegung die dadurch bei den Rindern erzeugt wird, ist für Fotos, wie wir sie wünschen, auch völlig ausreichend. John hat sich außerdem gedacht, dass, wenn Richard schon mal vor Ort ist, er die Gelegenheit nutzen kann, eines der Kälber mit einer gelben Erkennungsmarke zu versehen, was ja zu zweit viel einfacher ist als alleine. Dazu muss das Kalb mit dem Lasso eingefangen werden, was nicht gleich beim ersten Mal gelingt. Wir bekommen mehrere Gelegenheiten einen Cowboy Lasso schwingend inmitten einer Rinderherde zu fotografieren: ein super schönes Motiv!   Es ist gar nicht so einfach, dem Kalb in der Herde immer wieder so nah zu kommen und von den anderen zu separieren, dass ein Wurf lohnt, aber irgendwann hat er es dann doch geschafft: Das Lasso liegt um den Hals des Kleinen, zieht sich zu und verhindert, dass es sich wieder davon macht. Es blökt wie am Spieß – ich habe vor Mitleid fast die Tränen in den Augen stehen, fotografiere aber doch weiter. Ich habe dazugelernt, denn vor ein paar Jahren wäre ich gar nicht im Stande gewesen, meine Gefühle in einer solchen Situation einfach hintenan zu stellen.      Richard ist schnell zur Stelle, greift sich das Kalb, wirft es auf die Seite, setzt die gelbe Marke und zieht das Lasso wieder ab, was fast noch am schwierigsten ist, weil das Kalb schon versucht, wieder von den Männern wegzukommen.    Die ganze Aktion, vom Zeitpunkt an, als John das Lasso richtig gesetzt hat, bis Richard es wieder abgezogen hat, hat nicht einmal zwei Minuten gedauert… Die Herde war etwas in Bewegung, als die Männer darin herumgeritten sind, eine Mutter hat sich aber nicht eingemischt und versucht, das Kalb zu verteidigen, und als das Kalb wieder in Freiheit ist, tritt innerhalb kürzester Zeit in der ganzen Herde wieder vollkommende Ruhe ein…unfassbar! John reitet noch einmal in einer anderen Himmelrichtung um die Herde herum, und wir können zwei Rinder beim Zweikampf beobachten bis Gabriele John für Portraitaufnahmen wieder zu uns heran bittet.      Es folgen Fotos mit John und seinem Braunen Cuervo in allen erdenklichen Ausführungen: John auf Cuervo sitzend, leicht nach vorn gebeugt oder in die Ferne schauend, John neben Cuervo, John vor Cuervo hockend und die Gegend überschauend, gerne auch mit Richard im Hintergrund, John mit Cuervo und seinem Hund Merlin – alles bis die Speicherkarten rauchen!        Dann noch ein Bild mit beiden Männern, das eine Männerfreundschaft in der Einsamkeit der Wildnis zeigt und zum guten Schluss noch eins mit Mel.       Die letzten Szenen immer wieder unterbrochen von der Ankündigung: „Jetzt noch…., dann machen wir aber Schluss.“ Als dann aber wirklich Schluss ist, scheint John fast enttäuscht, dass wir schon aufhören und uns verabschieden wollen, was besonders deshalb auffällt, da ich anfangs den Eindruck hatte, dass er zu dieser Veranstaltung mal so gar keine Lust hatte und ihn diese deutsche Fotografentruppe eher nervte. Ich habe mich dahingehend entweder getäuscht, oder er hatte dann doch Spaß mit und wegen uns bekommen….

Wir fahren den gleichen Weg zur Farm zurück, den wir gekommen sind: Das Auto setzt noch einige Male auf und wir verschönern auch noch ein wenig die Kratzer im Lack, doch Gabriele hat mir versichert, dass das alles nur halb so schlimm ist, denn seit meiner kleinen Rempelei mit dem Laternenpfahl damals in Portugal seien die Autos immer Vollkasko versichert. Na dann: will ich mal keine falsche Rücksicht nehmen….!

Wir erreichen die Ranch gegen 10:30 Uhr wieder und gönnen uns ein ausführliches zweites Frühstück. Danach ist es Zeit, die Speicherkarten auszulesen, denn für den späten Nachmittag ist ein weiteres Shooting geplant, wobei sie wieder gebraucht werden, und niemand ist scharf darauf, daneben zu stehen und den anderen dabei zuzusehen, wenn sie die Bilder ihres Lebens machen, nur weil die Karten voll sind.

Um 12:30 Uhr stehen Hackbraten, Gemüse, Kartoffelpüree und Maisbrot für uns bereit. Danach wollen die anderen ein weiteres Mal ausreiten. Ich hole mein Weitwinkel aus dem Haus, um mich noch einmal ein wenig der Farm und ihren Gebäuden zu widmen. Dabei stelle ich fest, dass der Polfilter fehlt. Das Ding war ein Geschenk des Lebensverschönerers, sowas verliert man besser nicht so einfach. Ich suche den ganzen Rucki ab, kontrolliere das andere Objektiv, auf dem er aber auch nicht ist, und zermartere mir den Kopf, wo der Filter sonst noch sein könnte. Ich durchsuche sogar das Auto – ohne Erfolg: Der Filter bleibt verschwunden.

Am Haupthaus treffe ich auf Gabriele, die auf dem Weg zu Mels Zuchtstuten ist. Einige sollen Fohlen haben, weshalb ich beschließe, sie zu begleiten. Ein paar Schritte weiter gabeln wir noch Manuela und Sabrina auf. Schon der Weg zu den Zuchtstuten bietet eine Fülle an Motiven, die für das Weitwinkel bestens geeignet sind, und so bleibe ich etwas hinter den dreien zurück. 

      Zwischendurch verliere ich soweit den Anschluss, dass ich die drei suchen muss, finde sie aber bald, jede mit einem Pferdekopf im Arm, an einer großen, grünen, von einem Wasserlauf durchzogenen Koppel wieder. Jeder ist mit sich selber, seiner Kamera und seiner eigenen Motivauswahl beschäftigt. Ich bin fasziniert von dem Holz des Stallgebäudes und den Mähnenhaaren, die sich im splitterigen Holzzaun verfangen haben. Ein paar Pferdefotos ringe ich mir auch ab, aber die machen mit diesem Objektiv nicht so richtig Spaß.    Bald verabschiede ich mich mit dem Plan, die Gebäude auf der eigentlichen Ranch noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Auf dem Weg dorthin hält mich ein Gatter und dessen Verschluss auf. Um dieses so abzulichten, dass es gut aussieht, muss ich auf die Knie, und plötzlich sehe ich im Augenwinkel sich etwas bewegen: da hoppelt nur ein paar Schritte entfernt von mir ein kleines Kaninchen über die Gras bewachsene Böschung. Als ich ihm folge, treffe ich noch auf weitere Tiere. Oh, wie nett: Die müssen fotografiert werden! Ich also auf die Knie und dann auf den Bauch, um die richtige Perspektive zu bekommen. Die Kaninchen sind schon recht zutraulich, aber formatfüllend wollen sie sich nicht ablichten lassen.    Was wäre jetzt das 200er gut!! Doch so schnell geb’ ich nicht auf: Auf Knien und dem Bauch rutschend nehme ich die Verfolgung auf. Hoffentlich sieht mich jetzt niemand von den Fox’ oder jemand vom Personal! Die müssen doch denken, man hätte mich in Deutschland irgendwo frei gelassen… Die Kaninchen sind bald genug abgelichtet und der Gedanke, von niemandem beobachtet worden zu sein, beruhigt mich etwas, als ich auf der anderen Straßenseite tiefe Löcher entdecke. Und immer mal wieder schaut da ein kleines, keckes Gesicht heraus: Erdhörnchen!

Ahhh… Die sind so putzig mit ihren behaarten, buschigen Schwänzen und den großen, schwarzen Knopfaugen!!! Die müssen auf die Speicherkarte! Dringend!! Jetzt sind die Viecher nun mal aber noch kleiner als die Kaninchen, das Objektiv ist aber immer noch dasselbe… Muss ich also wieder auf den Bauch, abwarten bis das Hörnchen sich an meine Anwesenheit gewöhnt hat und wieder weiter heran robben. Ich weiß gar nicht genau, wie lange ich da so herum gerutscht bin, aber ich hab’s ganz schön nah ran geschafft, wie ich finde, denn mein kleiner Freund – wir sind mittlerweile per Du – ist schon ziemlich groß auf meinem Bild. 

  Gelächter hinter mir reißt mich aus meiner Konzentration: shit! Doch erwischt. Gabriele, Manuela und Sabrina stehen amüsiert ein Stückchen weiter und reißen Witze, bis der Fotograf in Gabriele doch wieder Oberhand gewinnt und sie mir ihr Zoom zur Verfügung stellen will. So zahm ist das Hörnchen dann aber doch noch nicht, als dass es einen voll aufgerichteten Menschen, der immer näher kommt, akzeptieren würde; plötzlich sind alle, auch die Hörnchen der näheren Umgebung, in ihren Löchern verschwunden. Also machen wir uns gemeinsam auf den Weg zurück zur Farm. Dort warten wir auf die Reitgruppe, die es gerne noch hätte, dass Gabriele Fotos von ihnen und ihren Pferde macht. Da halt ich mich aber raus – ich setz mich ins Gras und schaue zu bis die Pferde auf das Paddock gebracht und abgesattelt werden. Außerdem muss ich noch mein 200er Zoom holen, denn sofort im Anschluss wollen wir noch einmal den Weideauftrieb fotografieren. Die gesamte Herde soll heute auf die große Hochplateaukoppel rechts der Ranch getrieben werden, wozu die Pferde über die Serpentinenstraße müssen, die wir heute morgen mit dem Auto befahren haben. Damit wir uns nicht gegenseitig im Bild stehen, verteilt Gabriele uns auf die ganze Länge des Weges. Hier und da noch schnell eine kleine Korrektur, wer näher am Weg bzw. weiter weg stehen soll, dann gibt sie das Zeichen, dass die Paddocktore geöffnet werden können. Unser Treiben ist den restlichen Gästen nicht verborgen geblieben und anfangs haben sie auch einfach nur auf dem Hof herumgestanden und sich vermutlich gewundert. Dann aber folgen sie uns den Weg hinauf, vermutlich um zu sehen, warum wir da so weit verteilt herum stehen. Dies geschieht unbemerkt von Richard und seinen Leuten, die dann die Paddocktore öffnen. Da die Pferde sich auf die Koppel freuen, sind sie entsprechend flott und treiben somit die Leute vor sich her, die uns dann direkt vor die Linsen laufen. Na super! Ich stehe in der zweiten Kurve, mein Blick nach unten ist durch eine kleine Böschung und einen Zaun verdeckt,  weshalb ich diese Entwicklung zuerst gar nicht mitbekomme. Erst als ich Gabriele ein Stück über mir brüllen höre, wird mir die Situation klar. „Go away! Away!! GO AWAY!!!“ brüllt sie, ohne Erfolg…. Wo sollen die Leute denn auch hin? Hinter ihnen kommen die galoppierenden Pferde – da würde ich auch versuchen, mich in den mit Büschen bewachsenen Hang zu flüchten. Den allergrößten Zorn zieht sich aber ein etwa 10 oder 12 jähriger, asiatischer Junge zu, der zu allem Überfluss auch noch eine leuchtend rote Jacke trägt. Wir haben ihn alle im Bild! Ausnahmslos. Es sind aber trotzdem noch einige gute Bilder dabei herausgekommen.        Bis die, die weiter oben am Weg stehen, wieder herunter gelaufen kommen, beschäftige ich mich noch einmal mit den Erdhörnchen, die scheinbar den ganzen Hang untertunnelt haben. Die wundern sich sicher auch, was in ihrem Revier heute los ist. 

Zurück auf der Ranch steht auch schon das Abendessen extra für uns bereit: Wir essen vor den anderen Gästen, weil wir am Abend noch zum Rodeo in die Stadt wollen. Damit dies auch noch besonders schnell geht, hat der Koch Burger für uns vorbereitet.

Auf dem Weg in die Stadt fällt mir wieder ein, das ich den Polfilter vermisse und versuche heraus zu bekommen, wann ich ihn das letzte Mal bewusst genutzt habe. Ich bin mir plötzlich ziemlich sicher, dass ich noch an dem Ding herumgedreht habe, als wir an diesem grün beflankten Canyon fotografiert haben. Also halten wir dort noch einmal kurz an, ich springe aus dem Auto und laufe suchend über den Schotterplatz. Gabriele und Beat kommen mir zur Hilfe. Nach einigen Minuten bin ich ziemlich erleichtert: Da liegt das dunkle runde Teil einfach so auf dem Boden herum, als gäbe es keine schöneren Aufenthaltsorte! Es ist ein wenig staubig, ansonsten aber völlig unversehrt. Man muss auch mal Glück haben dürfen!

Es ist kurz nach 18:00 Uhr, als wir auf dem Rodeoplatz ankommen. Gabriele möchte extra etwas früher vor Ort sein, um sich besser orientieren zu können und damit wir uns etwas mit dem Flair hier vertraut machen können. Zudem haben wir Zeit, ein paar Schnappschüsse von den Teilnehmern zu machen: ein Mädchen, das ihrem Pferd die Gamaschen anlegt, ein vielleicht dreijährigen Jungen mit Riesen-Cowboyhut  

  und, für mich immer wieder bestaunenswert: die riesigen Trailer, mit denen die Amis durch die Gegend fahren. Außer mir scheint allen der Ablauf eines solchen Rodeos vertraut zu sein, weshalb ich mich aufklären lasse. Ein wenig Theorie in Sachen Westernreiten macht mich ja nicht dümmer!

Wir umrunden einmal den ovalen Platz und halten Ausschau nach dem besten Ort zum Fotografieren. Der Platz ist fast vollständig umgeben von einem weiteren Ring, auf dem etwa ein Pferd mit Reiter gut Platz hat, dahinter Tribünen und Plätze zur freien Verfügung; am anderen Ende des Ovals beginnen die Paddocks für die Tiere: Pferde, Stiere und Schafe…. Schafe?? „Ja,“ sagt Gabriele, „da reiten die Kinder drauf!“ Ach was?! 

  Die Zuschauertribünen sind eindeutig zu weit weg vom Geschehen, das macht keinen Sinn, außer wir wollen Suchbilder fotografieren. Gabriele macht schnell eine Art Balkon direkt neben der Sprecherkabine aus: Da will sie hin. Wir lungern ein bisschen vor deren Aufgang herum bis ein offiziell aussehender Typ die Treppe herunter kommt. Das sind immer die Momente, an denen ich Gabriele fast am meisten bewundere: Der Typ hat noch keinen festen Boden unter den Füßen, da hat sie ihn auch schon am Wickel. Wir seien eine Gruppe deutscher Fotografen, (wobei mir nicht immer klar ist, ob es hilft, dass wir Deutsche sind, oder eher nicht) und wir würden ganz gerne von da oben fotografieren. Der Finger zeigt die Treppe hinauf… Der Typ ist da gar nicht zimperlich und erlaubt uns, hinauf zu gehen. Das Rodeo beginnt pünktlich um 20:00 Uhr mit dem üblichen amerikanischen Aufriss: zuerst ein Flaggenkorso mit den Farben Wyomings und natürlich mit denen Amerikas. Die amerikanische Flagge wird von der amtierenden Rodeoqueen getragen, einem Teenager mit Schneeketten auf den Zähnen, die sie aber nur während des Rittes zeigt; später sind ihre Lippen versiegelt – kein einziges Lächeln bringt sie den Rest des Abends hervor. Ich kann gut verstehen, dass sie vor Stolz vermutlich fast platzt, weil SIE die Flagge tragen darf, aber dass sie den Rest des Abends eher missmutig verbringt, ist mir unverständlich. Nachdem die Damen ein paarmal mit den Flaggen über den Platz galoppiert sind, nehmen sie Aufstellung vor der großen Tribüne, dann wird die Nationalhymne gespielt, wozu ALLE Zuschauer aufstehen und die Männer sogar die Hüte abnehmen und sich diese vor die Brust halten solange bis die Musik verstummt. Mir ist dieser Patriotismus ja immer wieder ein bisschen unheimlich.

Unter uns beginnen derweil die Vorbereitungen: Die Stiere müssen in der richtigen Reihenfolgen in die Laufwege gebracht werden, die zu den Ständern führen, von wo aus sie von den Rodeoreitern bestiegen werden können. Wenn die schweren Metalltore geschlossen sind, bleibt den Tieren gerade mal genügend Platz zum Luft holen, was es allerdings den Männern möglich macht, den Gurt zum festhalten und den Gurt zum Abschnüren der Genitalien anzubringen, ohne von den Stieren attackiert werden zu können. Richtige Begeisterung mag bei mir nicht aufkommen, ich kann jedoch erkennen, dass die Gurte durchaus durchdacht sind: Der hintere Gurt wird lediglich durch eine festgezogene Schlaufe gehalten, sie sich schnell wieder aufziehen lässt, sobald der Ritt vorbei ist. Bis die Vorbereitungen zu Ende sind, vertreiben die Frauen (und Mädchen) den Zuschauern die Zeit mit Tonnenrennen. Die Pferde wissen genau, worauf es ankommt, was nicht unbedingt heißt, das sich Pferd und Reiterin in der Wahl des Weges einig sind; da ist drauf bleiben durchaus manchmal eine Kunst – oder reine Glücksache. 

      Der weiteste Weg ist der von der letzten Tonne ins Ziel, und auch an dieser Stelle scheiden sich schon mal die Geister: Da es hier auf die Geschwindigkeit ankommt, sind die Pferde auf Schnelligkeit trainiert. Dass aber jedes Tonnenrennen nun mal ein Ende hat, scheint nicht jedem Vierbeiner einleuchten zu wollen, was zu den abstrusesten Erfindungen im Bereich des Pferdemaules führt. Einzelheiten will ich mir hier ersparen, nur soviel: Die gemeine deutsche Tierschützerin würde SOFORT via Facebook eine Petition starten!

Unter uns sind die Vorbereitungen abgeschlossen. Das erste Tor wird entriegelt und springt auf, der erste Stier schießt wild bockend heraus, der erste Reiter fliegt nach wenigen Sätzen durch die Luft und landet unsanft auf der Erde. Der Stier scheint mir ein triumphales Grinsen im Gesicht zu haben und dreht noch ein paar Runden über den Platz, die Zuschauer fest im Blick, bis ihn die beiden Reiter, die am Ende eines Rittes wieder für Ordnung zu sorgen haben, mit dem Lasso einfangen und vom Platz befördern. Wir sehen noch drei weitere Reiter, die mehr oder weniger lange auf den Stieren verbleiben; 

   dann müssen erst die Ständer neu befüllt werden. In der Zwischenzeit findet das Kinderrodeo statt: Kleine Kinder, vielleicht 4 oder 5 Jahre alt, werden von ihren Müttern auf die Schafböcke gesetzt. Ich stell mir die Frage, warum amerikanische Mütter ihre Kinder so wenig mögen, denn die Kinder sind ganz offensichtlich wenig begeistert. Zumindest kenne ich keine Begeisterung die sich mit Tränen oder Herz zerreißendem Geschrei äußert. Sobald die Kinder auf den Böcken sitzen, werden die Tore entriegelt, die Böcke springen heraus, die Mütter halten die Kinder an den Armen fest und ziehen sie wieder von den Böcken herunter, kaum dass das Rodeo wirklich angefangen hätte… Zieht man so die harten Kerle der Zukunft heran? Ich will’s gar nicht so genau wissen – ich beschränke mich auf’s Kopfschütteln. Die Böcke machen den Männern einige Schwierigkeiten beim Einfangen, sehr zur Belustigung der Zuschauer, und der Clown, der für die Ablenkung der Stiere zuständig ist, wenn der Reiter den Sturzflug angetreten hat, kommt auch noch zu seinem Auftritt. Danach folgen einige Lasso-Wettbewerbe. Hier können Männer und Frauen ihre Geschicklichkeit im Bezug auf Kalb und Lasso unter Beweis stellen.        Diese Disziplinen scheinen mir ja sogar noch sinnvoll, ist doch Sinn der Geschichte, schnell und effektiv handeln zu können. Vermutlich je nach Schwierigkeitsgrad werden die Kälber größer und schwerer und der Ablauf ändert sich, denn ein Kalb, das in etwas ein halbes Jahr alt ist, lässt sich nicht mehr so einfach händeln wie eines, das gerade vier Wochen alt ist. Zwischendrin sehen wir dann noch einige Pferderodeos, für die ich ebenso wenig Begeisterung aufbringen kann wie für die mit den Stieren. Mir ist auch klar, dass wir es hier mit einer Art Kulturgut zu tun haben, und mir gefällt auch der Stierkampf in Spanien nicht, aber kann man solche Güter nicht einfach manchmal überdenken und für überflüssig erklären? Gabriele gefällt meine Haltung zu dem Thema nicht so richtig gut, und mit dem Einwand, wenn ich wüsste, was Menschen mit Tieren sonst noch auf der Welt so anstellen, hat sie ja nicht ganz unrecht, aber deshalb muss mir die Geschichte hier ja nicht zwingend gefallen. Unter uns wird es wieder hektisch: Die Stiere wollen nicht so wie die Männer, weshalb sie vermehrt ihre Schweinetreiber einsetzen. Aber anstatt die Stiere voneinander getrennt zu bekommen, versuchen sich, komplett panisch, gleich drei Stiere gleichzeitig durch einen Durchgang zu pressen. Dass das nicht passen kann, sieht eigentlich ein Blinder mit Krückstock, aber die Männer setzen weiterhin die Schweinetreiber ein solange bis ein dicker Holzpfahl nachgibt und krachend samt Zaun einfach wegbricht. Gut, ganz tacko war das Ding nicht mehr, vermutlich war es mehr morsch als stabil, aber zum einen ist die Vorrichtung jetzt erst mal hin und zum anderen, finde ich, war dieser Vorfall komplett unnötig! Es ist aber egal, was ich finde: Die Stiere kommen in ihre Ständer und das Rodeo geht weiter. Es folgen noch drei Stierritte und ein weiterer Lassowettbewerb.        Inzwischen ist es dunkel geworden und ich beginne, mit den Verschlusszeiten zu spielen, denn Wischbilder sind ja oft auch ganz beliebt, bis um Punkt 22:00 Uhr die Veranstaltung beendet ist. Disziplinlosigkeit kann man den Amis auf jeden Fall nicht vorwerfen!

Unser Weg nach Hause ist spannend, denn die Straße sieht im Stockdunkeln ganz anders aus als noch am Tag, und ich kann erst partout das Fernlicht nicht finden. Als ich es dann aber doch ausfindig gemacht hab, fährt’s sich wieder prima. Auf der Ranch angekommen verschwinden alle schnell auf ihre Zimmer. Ich will noch duschen und die Karten auslesen und außerdem war es ein langer Tag. Als ich endlich im Bett liege und der Tag an meinem inneren Auge vorbei zieht, höre ich die beiden Mädels im Nachbarzimmer lachen. Der letzte Gedanke des Tages wird begleitet von einem dicken Grinsen im Gesicht: „Gute Nacht, John-Boy!“ „Gute Nacht, Elizabeth!“

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